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11. únor 2008
Chilli.cc
Kultur
Mission: Provokation
Kaum ein Künstler regt so auf wie Helnwein – und kaum einer ist so bedeutend
Van Gogh, Modigliani, Monet: Die Liste der Maler, die zu Lebzeiten verkannt in der absoluten Bedeutungslosigkeit tümpelten, ist lang. „Bedeutungslosigkeit“ kennt Gottfried Helnwein wohl nicht. Mit 22 inszenierte er einen Studentenaufstand an der Wiener Kunstakademie, heute zählt er zu den bedeutendsten Künstlern unserer Zeit. Und zu den streitbarsten, um seinen Ansatz mit den Worten seines Freundes Marilyn Manson zusammenzufassen: „Kunst, die nicht provoziert, wird unsichtbar.“
Blutiger Provokateur
Einen gewissen Hang zum Aktionismus konnte Helnwein bereits in seiner Jugend nicht abstreiten – immer wieder schneidet er sich aus Protest vor seinen autoritären Lehrern mit Rasierklingen die Hände auf, weil „Verwundete und Leidende die Könige der Gesellschaft sind, schlecht ist nur, wenn man stolz ist oder irgendetwas gerne macht.“
Eben jene Verachtung der Autorität und ein „erniedrigendes“ Aufnahmeverfahren an der Kunstakademie, gepaart mit der Wut, sich all die Ungerechtigkeiten in seiner Kindheit widerstandslos gefallen lassen zu haben, veranlassten ihn 1977 zur Inszenierung eines „Aufstandes“ an der Kunstakademie. Was später in den Medien als „Stundentenaufstand“ dargestellt wurde, war in Wirklichkeit eine ausgeklügelte Drei-Mann-Aktion. Mit Rauchpulver und Stink- und Farbbomben bewaffnet, erzeugte Helnwein das perfekte Chaos – und einen enormen Sachschaden. Obwohl er drei Tage nach der Tat angezeigt wurde, kam er ohne Strafe davon – die damalige Unterrichtsministerin Firnberg nahm an, die gesamte Studentenschaft stand hinter der Aktion und sie setzte ein Zeichen des guten Willens.
Grenzwertig
Seit jeher wandelt Helnwein auf einem schmalen Pfad zwischen tiefer Verehrung und strikter Ablehnung, seiner Kunst neutral gegenüber zu stehen ist beinahe unmöglich. Im Zentrum seiner hyperrealistischen Arbeiten steht das Kind als Metapher für das Wehrlose, oftmals malträtiert durch chirurgische Spangen oder entstellt durch grässliche Narben, dabei aber immer mit einer höhnischen, Fratzen schneidenden Grimasse, die Widerstand und Ungehorsam symbolisiert. Neben Tabu-Themen wie Kindesmissbrauch, Sexualität und Folter ist es vor allem die Thematisierung des Nationalsozialismus, die Helnwein immer wieder scharfe Kritik einbringt.
Seine Installation „Neunter November Nacht“, eine über einhundert Meter lange Aneinanderreihung von übergroßen Kinderporträts, die wie zu einer Selektion aneinandergereiht sind, konfrontiert täglich tausende Passanten zwischen Museum Ludwig und Kölner Dom mit dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte. Die Palette der Reaktionen reicht von Betroffenheit bis zu heller Empörung, wenige Tage nach Anbringung der Installation werden die Bilder von Unbekannten zerschnitten.
Weil er statt „sinnlosen“ Aktstudien lieber ein Porträt Hitlers malt, wird er der Graphischen HTL verwiesen, sein Bild „Epiphany I“ zeigt die heilige Jungfrau Maria und das Jesuskind, umgeben von SS-Offizieren, die dem Kind bewundernde Blicke zuwerfen. Sein Werk „Unwertes Leben“, das gemeinsam mit einem satirischen Brief im Magazin „Profil“ veröffentlicht wird, entfacht eine heiße öffentliche Diskussion um den angesehenen Wiener Gerichtsmediziner Dr. Heinrich Gross. Dieser hatte zuvor in einem „Kurier“-Interview zugegeben, während der NS-Zeit behinderte Kinder durch Beimengen von Gift in den Mahlzeiten getötet zu haben, dies aber als die humanste Möglichkeit der Ermordung ansah, weil die Kinder friedlich eingeschlafen waren.
Konfrontation statt Rarität
Während Künstler normalerweise danach streben, in den bedeutendsten Galerien dieser Welt ausgestellt zu werden, um den Wert ihrer Kunst stetig zu steigern, ist Helnwein ein „Provokateur“ der Massen. Immer wieder malt er Coverbilder für Magazine oder CDs, um möglichst viele Menschen mit seiner Kunst zu konfrontieren, worin er den wahren Sinn seiner Arbeit sieht. Helnwein hat auch bei der Gestaltung des „Virtual Museum of Art“ in dem Onlinespiel „Second Life“ mitgewirkt, das mit einer Helnwein-Ausstellung eingeweiht wurde.
Unter den Künstlern selbst gilt Helnwein seit Jahren als Fixstern – Rammstein und die Scorpions beauftragten ihn für ihr Artwork, für Maximilian Schell und Johann Kresnik entwarf er Bühnenbilder, William S. Burroughs lobt ihn in den höchsten Tönen und Marilyn Manson sieht in ihm sogar einen Mentor. Wie immer man zu Helnweins Kunst stehen mag – kalt lässt sie niemanden.
The Disasters of War
2007




Nahoru